29.11.2014 - 12.04.2015
Vornehmste Tischlerarbeiten aus Leipzig.

F. G. Hoffmann - Hoftischler und Unternehmer

Im Interview: Dr. Eva Maria Hoyer, Direktorin
Beitrag 27.01.2015 | 18:06 Uhr | von  Katharina Nitsch

Die Schau "Vornehmste Tischlerarbeiten aus Leipzig" ist eines der Kunsthighlights im Jubiläumsjahr der Stadt. Warum die weltoffene Universitäts- und Messestadt optimale Bedingungen für die unternehmerische Erfolgsgeschichte von F. G. Hoffmann bot, erzählt die Museumsdirektorin, Dr. Eva Maria Hoyer, im Interview - und stellt auch gleich noch ihre Lieblingsstücke in der Ausstellung vor.

Sie begeistert besonders ein Sekretär in der Ausstellung. Können Sie uns das Stück näher vorstellen? Welche Details beeindrucken Sie daran?

Hoyer: Für mich gibt es eigentlich nicht nur ein Highlight in der Ausstellung. Mich beeindruckt die Vielfalt der Hoffmannschen Möbel, ihre „auf mannigfaltigen Nutzen“ und sparsamsten Raumbedarf gerichtete praktische Verwendbarkeit. Verwandlungstische zum Beispiel. Auf den ersten Blick ganz gewöhnliche Speisetische lassen sich durch Schrägstellen der Platte in einen Schreib- oder Zeichentisch umfunktionieren. Eine ebenso simple wie geniale Mechanik erlaubt es schließlich, die Platte waagerecht nach oben zu fahren. Aufklappbare Notenpulte an jeder Seite, beleuchtbar durch vier an den Ecken einsteckbare Messingleuchter, machen daraus einen Musiziertisch, der sich im Handumdrehen wieder in einen Speisetisch zurückverwandeln lässt.
Ebenso faszinierend sind für mich auch seine „Hygienemöbel“. Welchen Komfort sie bieten, ist ihnen von außen nicht anzusehen. Da ist ein herausziehbarer Nachtstuhl, ein Nachtgeschirr für die „kleinen Geschäfte“, für die Reinlichkeit ein Bidet und eine „Waschtoilette nebst Toilettenspiegel“ und Platz für „Seifen-Hand-Pomade, Zahnpulverbüchsen, Augenbäder.und dergleichen.“. So bewirbt Hoffmann diese „Waschtische“ in seinem Warenkatalog von 1795.
Natürlich kann man sich auch in die Schreibsekretäre verlieben, mit ihren zahllosen Fächern, davon manche natürlich geheim, mit Schreibplatten zum Stehen und Sitzen und ausfahrbaren Schreibtischstühlen. Manche verfügen über eine so raffinierte Sache wie ein schwebendes Tintenfass. Dank seiner beweglichen Aufhängung bleibt es in der Waagerechten, auch wenn die Schreibklappe schräg gestellt wird.

Worauf sollten denn die Besucher der Ausstellung besonders Acht geben? Was möchten Sie, dass die Gäste mit nach Hause nehmen?

Hoyer: Unsere Besucher haben die Chance, in der Ausstellung auf eine Entdeckungsreise in eine andere Zeit zu gehen. Dabei werden sie überrascht sein, wie viele Bezugspunkte es zum Hier und Heute gibt. Sie können die Schönheit und Eleganz der Möbel spüren. Ihre warmen Furniere leuchten honiggelb vor anthrazitfarbigen Wänden – ein sinnliches Vergnügen, das sich steigern lässt, wenn man die Geschichte verschiedener Möbel erfährt. Davon erzählen, mit Musik der Zeit unterlegt, u.a. 10 Hörstationen. Filme auf den Tabletts bieten Einblicke in das Innenleben der Möbel, zeigen raffinierte Details und ihre Verwandlungsfähigkeit. Diese Möbel waren damals hochmodern und beeindrucken noch heute.

Die Vorbereitung der Schau war mit umfangreichen Forschungen zu Friedrich Gottlob Hoffmann verbunden. Gab es für Sie Überraschungen in diesem Zusammenhang?

Hoyer: Die Forschung zu Hoffmann wurde in erster Linie über viele Jahre von den beiden führenden Hoffmann-Experten Michael Sulzbacher und Peter Atzig geleistet, die wir als Gastkuratoren für unsere Ausstellung gewinnen konnten.
Überraschungen gab es während der Ausstellungsvorbereitungen trotzdem auch bei uns. Fanny Stoye, als Volontärin am Projekt beteiligt, ist es zum Beispiel gelungen, die Bildvorlagen für die antikisierenden Malereien auf unserem eigenen Hoffmann-Sekretär nachzuweisen. Zwei davon, gedruckt 1777 in London, konnten wir noch kurz vor der Eröffnung erwerben und in die Ausstellung einbinden. Ihren Forschungen danken wir auch die Erkenntnis, dass der außergewöhnliche „Schreibtisch in Form eines Opferaltars“ eigentlich auf einen antiken Sarkophag zurückzuführen ist.
(Hoffmann, Warenkatalog 1795)

Die Ausstellung „Vornehmste Tischlerarbeiten aus Leipzig“ ist eines der Kunsthighlights im Jubiläumsjahr der Stadt. Welche Rolle hat denn Hoffmann für Leipzig gespielt und andersherum, welche Rolle hat Leipzig für Hoffmann gespielt?

Hoyer: Hoffmann war nicht nur einer der bedeutendsten Möbeltischler seiner Zeit, sondern er hat hier in Leipzig auch ein Stück europäischer Wirtschaftsgeschichte mitgeschrieben. Selbstbewusst stemmte er sich gegen die Vorurteile seiner Zunft. Verblüffend modern in seinem unternehmerischen Denken verstand er es, die Potenziale der weltoffenen Universitäts- und Messestadt für sein prosperierendes Unternehmen zu nutzen. Das hochentwickelte Leipziger Verlagswesen beförderte ohne Zweifel auch die Herausgabe der beiden gedruckten Warenkataloge. Ganz nach persönlichem Geschmack, nach der Größe der Wohnräume und dem Umfang des Geldbeutels konnte man danach seine Bestellungen aufgeben. Was für uns heute selbstverständlich ist, war damals eine sensationelle Neuerung.
Stets bedacht auf rationelle, kostengünstige Lösungen, offen für neue Verkaufsstrategien, kompromisslos und risikobereit in der Umsetzung seiner Ziele, führt Hoffmann seine Werkstätten in Leipzig und Eilenburg auf den Weg zu einem effizienten Manufakturbetrieb.
Trotzdem verschafften ihm erst die Ernennung zum Hoftischler und ein kurfürstliches Darlehen wirtschaftliche Freiheit als selbstständiger Unternehmer.

Vielen Dank für das Gespräch!



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