3.5. - 17.9.2000

Rundum Form - Wolf Karnagel

Im Jahre 1940 wurde Wolf Karnagel in Leipzig geboren, am 5. August dieses Jahres wird er 60 Jahre alt. Das Museum für Kunsthandwerk/ Grassimuseum zeigt vom 4. Mai bis 29. September 2000 das bisherige Lebenswerk des erfolgreichen Formgestalters, der sich der Dinge angenommen hat, die auf Tisch und Tafel unentbehrlich sind: Geschirr, Gläser und Besteck.

Im Mittelpunkt des Schaffens von Wolf Karnagel stand und steht das Porzellan. Geplant war das nicht, es hat sich aus dem beruflichen Lebensweg so ergeben. Nach dem Studium (Hauptfach Technisches Design) an der Hochschule der Künste in Braunschweig bei Professor Bodo Kampmann wurde Karnagel von der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Berlin als Formentwerfer angestellt. Die einstige Manufaktur des Preußenkönigs Friedrich des Großen hat in technologischer Hinsicht stets Pionierarbeit für die keramische Industrie geleistet, die Qualifikation des Personals genügte immer höchsten Ansprüchen. Karnagel nutzte diese Gegebenheiten und erwarb sich ein solides praktisches Können und umfassende fachliche Kompetenz. Bei der heute wieder als KPM firmierenden Manufaktur kamen Mitte der 60er Jahre erste Arbeiten Karnagels zur Ausführung, am bekanntesten wurde das Mokkaservice Stambul. Den Kannendeckel bildet eine große abgeflachte Kugel, ein formaler Verweis auf die Kuppeln der nahöstlichen Architektur in symbolischer Anspielung auf die orientalische Herkunft des Getränks. Die Gestaltungsidee war Karnagel schon während des Studiums gekommen, Gelegenheit zur Modellausformung bot ein Semsterferienpraktikum in der Berliner Manufaktur. Der den Bedingungen des Werkstoffs Porzellan angepaßte Entwurf war ursprünglich für eine Ausführung in Silber gedacht, eine limitierte Edition wurde später von der Silbermanufaktur Wilkens in Bremen realisiert.

Ebenso frühzeitig formten sich Karnagels Vorstellungen zum Tafelprogramm plus, das Konventionen in Frage stellen, freie Wahl der Servicezusammenstellung und individuelle Kombination durch wahlweise zur Verfügung stehende Ausführungen etlicher Teile in unterschiedlichen Materialien, Porzellan, Glas und Keramik, möglich machen sollte. Die Modellierarbeit führte Karnagel größtenteils in Berlin aus. Für die begrenzte Produktionskapazität der Staatlichen Porzellan-Manufaktur war das Projekt, auch wegen der Einbeziehung von farbiger Keramik und Glas, zu aufwendig, so dass Karnagel damit zu Rosenthal ging. In der Studio-Linie kam das Tafelprogramm plus 1970 auf den Markt und erreichte auf Anhieb die besten Umsatzzahlen in der modernen Produktion des Betriebes, dessen Chef, Philip Rosenthal, ein passionierter Bergsteiger, zu der Zeit gerade zu seinem spektakulären Aufstieg in politische Gipfelregionen aufgebrochen war, der ihn bis an die Seite des legendären Wirtschaftsministers Karl Schiller führte.

Karnagel wechselte 1977 zum Konkurrenten Hutschenreuther und verhalf dem damals größten deutschen Porzellankonzern mit dem Service Tavola zu ungewohnten Design-Ehren. Das von einer sensiblen, sanft geschwungenen Linienführung bestimmte Geschirr vermittelt den Eindruck vollkommener Harmonie. Geplant war ein ähnlich umfassendes Programm wie bei plus, die zu dessen Umsetzung notwendige Aufgeschlossenheit des Managements war bei Hutschenreuther allerdings nicht gegeben. Die Porzellanfabrik Tirschenreuth hat Tavola soeben wieder auf den Markt gebracht und zudem begonnen, auch den seinerzeit vorgesehenen Ausbau zum Programm mit der Fertigung von keramischen Teilen mit farbigen Glasuren ansatzweise zu versuchen.

In die 80er Jahre fällt Karnagels international meistbeachtete Leistung, der Entwurf der kompletten Bordausstattung der Deutschen Lufthansa für alle drei Passagierklassen und den gesamten Servicebereich. Bis in die kleinsten Details wie Servietten und Senfbeutelchen ist alles präzis durchdacht und zweckvoll ausgeführt, mit disziplinierter Phantasie sind Ästhetik und Funktion in sinnvolle Übereinstimmung gebracht. Anzumerken ist, dass Karnagel diesen umfangreichen Auftrag mit seinen ganz unterschiedlichen Anforderungen und vielfältigen Problemen, die aus den strengen funktionalen Vorgaben, wie wenig Platzbedarf bei leichter Handhabung und geringem Gewicht, hoher Strapazierbarkeit im Gebrauch und der Kombination verschiedener Materialien resultieren und zu deren Bewältigung sich üblicherweise Teams von Designern zusammenfinden, fast allein, mit zwei gelegentlichen studentischen Mitarbeitern, ausführte.

Für die Silberwarenmanufaktur Wilkens schuf Karnagel Mitte der 80er Jahre das Besteck Epoca, für Rosenthal hatte er bereits 1970 für das Programm plus ein Tafelbesteck entworfen. Epoca zeichnet sich durch eine konsequent geradlinige Form aus, im Gegensatz zu der Tendenz, die Größe der Besteckteile immer mehr zu reduzieren, kehrt es zu den über Jahrzehnte bewährten Maßen zurück. Die Modelle zu sämtlichen Teilen wurden von Karnagel selbst handgeschmiedet, zugute kam ihm hierbei die gründliche handwerkliche Ausbildung durch seinen Braunschweiger Lehrer Bodo Kampmann.

Das Problem des Entwurfs von Trinkgläsern hatte sich Karnagel zuerst bei Rosenthal gestellt. Kernbereich des Konzerns war zwar immer die Porzellanproduktion, auf die man sich in den letzten Jahren der wirtschaftlichen Gesundschrumpfung wieder zurückgezogen hat, doch die Studio-Linie hatte ein sehr viel weiteres Spektrum, passend zum Geschirr wurden auch Gläser und Besteck entwickelt und in firmeneigenen Werken wie der von Walter Gropius erbauten Glaskathedrale in Amberg hergestellt. Karnagel entwarf damals für plus und seine anderen Rosenthal-Serviceformen Trinkglasserien. Dabei verfuhr er nach dem heute wieder in Mode gekommenen Prinzip der Beschränkung auf das unbedingt Notwendige: nicht mehr als fünf verschiedene Gläser hielt er für ausreichend, um alle alkoholischen und nichtalkoholischen Getränke auf angemessene Weise zu konsumieren. Die später für Hutschenreuther geschaffenen Geschirrserien Tavola und Scala wurden ebenfalls um auf wenige Gläser beschränkte Trinkglasserien ergänzt.

Die 90er Jahre brachten gerade die Branchen, für die Karnagel tätig war, in ernste wirtschaftliche Schwierigkeiten. Der ehrgeizige Versuch, in Spanien eine eigene Produktion aufzubauen, blieb davon nicht ausgenommen und scheiterte. Karnagel schuf etliche Entwürfe für verschiedene Firmen, ohne erneut eine Basis für eine langfristige und kontinuierliche Zusammenarbeit zu finden. Die SKV Porzellan-Union in Schirnding nahm die neue Haushaltsgeschirrform Gala in ihr Sortiment auf, Hotelporzellan produziert die thüringische Porzellanfabrik Kahla, die Glashütte Theresienthal hat Vasen im Programm, Deutschlands derzeit größter Glaskonzern Nachtmann, dessen Verdienste in Bezug auf eine umweltfreundliche Produktion verschiedentlich öffentlich gewürdigt wurden, die Trinkglasserien Salute und - ganz neu in diesem Jahre - Event.

Welche Möglichkeiten die Zukunft für einen Designer birgt, der sein Schaffen auf die Fundamente gründet, die der Deutsche Werkbund und das Bauhaus errichtet haben, werden die kommenden Jahre zeigen. Wahre Originalität und echte Kreativität äußern sich bei der Schaffung von Gebrauchsgegenständen, dem ureigentlichen Thema des Faches Design, nicht in der mehr oder weniger kunstvollen Montage beliebiger Formen und Farben, nicht in der ja vielleicht aufregenden Wirkung ungewohnter Effekte, nicht in der seit langem propagierten Überwindung des Funktionalismus, sondern in seiner zeitgemäßen Weiterentwicklung.

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