
Kostbare Gewebe aus dem Orient
Wir zeigen eine kleine aber kostbare Auswahl aus seiner umfangreichen Gewebesammlung. 60 Seiden, Samte und feine Wollwirkereien aus Ländern des nahen und des fernen Ostens werden bis auf wenige Ausnahmen seit den 40er Jahren zum ersten Mal wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Ägyptische Grabfunde des 5. bis 18. Jahrhunderts, kostbare Gewebe aus dem Iran und der Türkei und Seiden aus China und Japan geben einen Überblick über die Sammlung der außereuropäischen Gewebe, die zu den frühesten Erwerbungen des Museums für Kunsthandwerk gehören. Das zu Wohlstand gelangte Bürgertum begeisterte sich in dieser Zeit für ferne Länder und Kulturen. Man sammelte Kunst und Kulturgüter aus aller Herren Länder und nahm deren Ornamentik in den eigenen Formenschatz auf. Ägypten und besonders die Kunst der als Kopten bezeichneten christlichen Bevölkerung standen Ende der 1880er Jahre im Mittelpunkt dieses Interesses.Es waren vor allem deutsche und österreichische Forscher, die in verlassenen Beerdigungsstätten Oberägyptens zu graben begannen. Man fand Reste von Leinengewändern, die mit bunten Wollwirkereien geschmückt waren. Aus dem damaligen Sammelverständnis heraus wurden die farbigen Dekorationen aus den Gewändern herausgeschnitten und das "uninteressante" Leinen dem Verfall preisgegeben. Grö§ere Fundstücke wurden mitunter zerschnitten und an verschiedene Interessenten verkauft. Ein gutes Beispiel für diese sehr verbreitete Praxis ist ein Hauptstück der Ausstellung: die linke Hälfte des Halsausschnittes einer koptischen Tunika. Das Fragment stammt aus der Sammlung Dr. Carl Reinhardts, Konsul in Kairo, eines begeisterten Archäologen, der in Oberägypten selber Grabungen durchführte. 1898 verkaufte er seine Sammlung an das Kunstgewerbemuseum in Leipzig und an das Museum für frühchristliche und byzantinische Kunst in Berlin, wo die rechte Hälfte des Halsausschnittes aufbewahrt wird.
Geeint durch die neu entstandene Religion des Islam begannen die Arabischen Stämme im 7. Jahrhundert ihr Territorium immer weiter auszudehnen. In gro§en Feldzügen eroberten sie Anfang des 8. Jahrhunderts Ägypten und Nordafrika und gelangten 711 nach Spanien. Ägypten wurde zu einem wichtigen Zentrum dieses neuentstandenen Reiches. Textilien, besonders die Kleidung, spielten in der vom nomadischen Leben geprägten, arabischen Kultur eine große Rolle. Die Herrscher verschenkten an bestimmten Feiertagen Gewänder als ehrenvolle Auszeichnung an verdiente Offiziere und Hofbeamte. Im Laufe der Zeit entwickelte sich aus dieser Tradition ein festes Besoldungssystem. Seiden mit fein strukturierten Tiermotiven, wollene und leinene Turbanbinden und hauchzarte Schals mit eingewirkten Gold- und Seidenborten und Gewebe mit Streifenmuster aus der Zeit des 10. bis 13. Jahrhunderts vermitteln einen Eindruck dieser Pracht.
Eines der ältesten Zentren der Textilherstellung war das Gebiet des heutigen Iran. Die Dynastie der Sassaniden (3. bis 6. Jahrhundert) besaß das Monopol des Seidenhandels zwischen China und Europa und konnte so Rohstoffe und das technische Wissen aus Ost und West für die eigene Weberei vereinen. Bis ins 18. Jahrhundert waren persische Seidengewebe von höchster Qualität. Die Herrscher der Safawidendynastie (16. bis 18. Jahrhundert) schätzten Gold- und Silberstoffe, die mit seidenen, meist floralen Mustern geschmückt waren. Die Herstellung eines solchen Gewebes konnte bis zu zwei Jahre dauern. Ein russischer Webereibesitzer, der für die Weltausstellung 1900 in Paris einen solchen Goldstoff mit einem Samtmuster aus Mädchenfiguren kopieren lassen wollte, mußte dieses Vorhaben aufgeben, weil die Herstellung zu teuer wurde. Dieses Gewebe befindet sich heute im Museum für Kunsthandwerk und ist ein Glanzpunkt der Ausstellung. Oft kaum zu unterscheiden von Stoffen aus dem Iran sind türkische Gewebe. Grund hierfür ist die enge, jedoch selten friedliche Nachbarschaft dieser beiden Staaten. Über Jahrhunderte wurden heftige Grenzkriege geführt und die Städte in diesem Gebiet wechselten nicht selten alle paar Jahre den Besitzer. So lassen sich vor allem türkische Seiden des 16. Jahrhundert, die in der Ausstellung gezeigt werden, auf den ersten Blick nur schwer von zeitgleichen persischen unterscheiden. Deutlich wird auch, wie eng die Beziehung zum christlichen Abendland war. Hier wie dort liebte man in dieser Zeit Granatapfelmotive und große Flächenmuster aus Spitzovalen, deren Rapporte bis zu 1 m Höhe erreichen konnten.
Die Wiege der Seidenweberei liegt in China. Ausgrabungen belegen, daß bereits in der Shang-Zeit (1500 bis 1050 v. Chr.) gemusterte Seiden hergestellt wurden. Seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. wurde Seide nach Westen exportiert. Nach Europa gelangten die kostbaren Gewebe und Garne etwa um die Zeitenwende. Sie wurden über die als "Seidenstraße" bekannten Karawanenwege transportiert. Die Seidenproduktion und -weberei war schon früh einer der wichtigsten Wirtschaftszweige Chinas. Ein Damast aus dem 18. Jahrhundert, der in einem ägyptischen Grab gefunden wurde, ist ein Beleg für die ausgedehnten Exporte chinesischer Seiden.
In Japan galt bis ins 8. Jahrhundert die Kunst und Kultur Chinas als großes Vorbild. Auch die Kunst der Seidenweberei übernahm man von dort, entwickelte aber bald eigenständige Muster. In Europa erregten um 1900 besonders die elegant bewegten Naturdarstellungen auf Kimonos große Bewunderung und dienten vielen Gestaltern des Jugendstils als Vorbild. Drei prächtige, mit Gold verzierte Gewebe von Kostümen des Noh- oder Kabuki Theaters bilden den Schluß der Ausstellung.
Der Bestandskatalog "Außereuropäische Gewebe vom 4. bis zum 20. Jahrhundert" erschien 2003 und kann für 25 € im Museumsshop erworben bzw. per e-mail bestellt werden.
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